Der Ayurveda, das „Wissen vom
gesunden und langen Leben“

Eine kurze Einführung von Norbert W. Fischer, Heilpraktiker

Der Begriff »Ayurveda« setzt sich zusammen aus »Ayus«, das Leben, und »Veda«, vollständiges Wissen. Dieses Wort aus dem indischen Sanskrit ist mittlerweile auch im Westen kein Fremdwort mehr, seitdem eine Flut von Artikeln in Illustrierten, Zeitungen und medizinischen Fachzeitschriften den Lesern die Gedankenwelt des Ayurveda zu vermitteln versucht.

Dabei ist diese traditionelle Naturheilkunde, die sich vor etwa 5000 Jahren in Indien und später in Sri Lanka entwickelte, nur auf den ersten Blick ein kompliziertes System mit höchst abstrakten Theorien und sonderbaren Verhaltensreglements. Bei näherem Hinsehen jedoch entpuppt sich diese älteste medizinische Wissenschaft der Menschheitsgeschichte als ein zwar komplexes, aber letztendlich sehr einfaches Lebens- und Gesundheitsprogramm, das für jeden Menschen und für jede Situation individuelle, nachvollziehbare Ratschläge zur Verfügung stellt.

Der Legende nach empfingen die alten, weisen Männer Asiens das »Wissen vom langen Leben« in ihrer meditativen Schau von Brahman, dem Höchsten. Das Wissen wurde anfangs nur mündlich weitergegeben; die ersten schriftlichen Aufzeichnungen sind ungefähr 3000 Jahre alt. Einer der berühmtesten Autoren der alten ayurvedischen Schriften und Begründer der Inneren Medizin des alten Indiens beschrieb die Beziehung zwischen dem Menschen und dem Universum folgendermaßen: »Der Mensch ist das Abbild des Universums. Was immer den Menschen in seiner Verschiedenheit ausmacht, formt auch das Universum. Die Teile, die das Universum bilden, formen wiederum den Menschen.«

Nach Auffassung der indischen Weisen oder Seher setzt sich die gesamte Schöpfung aus fünf Grundelementen zusammen: dem Raumelement, dem Luftelement, dem Wasserelement, dem Feuerelement und dem Erdelement. Diese Elemente dürfen wir uns nicht konkret vorstellen; sie stehen eher für Prinzipien oder für Wirkungsweisen.

Die drei Doshas

Diese fünf Elemente manifestieren sich im menschlichen Körper als Grundprinzipien oder Bioenergien, die als »Doshas« bezeichnet werden und die alle biologischen, psychologischen und physiopathologischen Funktionen des Körpers, des Geistes und des Bewußtseins regeln. »Dosha« heißt übersetzt soviel wie das, »was die Fähigkeit hat, sich zu verändern« – sowohl zum Guten wie auch zum Schlechten.

Diese Bioenergien durchdringen den gesamten Kosmos und drücken sich in biologischen Tagesrhythmen, Nahrungsmitteln, Heilkräutern und im Einfluss der Jahreszeiten aus. Sie wirken körperlich, ohne selbst körperlich zu sein. Diese drei Temperamente oder Körpersäfte sind für die Aufrechterhaltung des Lebens wichtig. Sie liegen mit der Zeugung eines jeden Menschen in einem für ihn charakteristischen Verhältnis fest. Es können ein oder zwei Doshas vorherrschend oder alle drei Doshas in gleichen Teilen vorhanden sein.

Auf diesem Prinzip basierend werden im Ayurveda die Menschen – sehr vereinfacht dargestellt – in die drei Grundkonstitutionstypen »Vata«, »Pitta« und »Kapha« eingeteilt. Das Wissen über die Konstitutionstypen und den aktuellen Stand der Verteilung der Doshas im Körper sind für den ayurvedischen Arzt wie für den Heilsuchenden von großer Bedeutung, werden doch danach die Therapie und alle anderen Maßnahmen festgelegt.

Vata: Luft und Äther werden als Aktivitäts- und Bewegungstemperament zusammengefaßt. Vata ist verantwortlich für jede Bewegung des Körpers und des Geistes und kontrolliert die Sinnesorgane. Es läßt sich u.a. an seinen Eigenschaften kalt, trocken und beweglich erkennen.

Pitta: Das Hitze- oder Feuertemperament leitet sich von den Qualitäten des Prinzips Feuer ab. Seine Eigenschaften sind heiß, irritierend und scharf. Pitta ist verantwortlich für den Stoffwechsel, die Verdauung, für die Intelligenz und ein »strahlendes Aussehen«.

Kapha: Die Eigenschaften der Elemente Erde und Wasser prägen das Struktur- und Schleimtemperament. Kapha ist kalt, schwer, glatt, ölig und stabil. Es ist verantwortlich für den Zusammenhalt, die Struktur und die Widerstandsfähigkeit des Körpers.

Die Konstitutionslehre im Ayurveda

Der Begriff »Konstitution« ist eine eher simplifizierte Übersetzung des Begriff »Prakriti«. Er umfaßt viel mehr, nämlich das, was das »Wesen eines Menschen« ausmacht. Das ist natürlich viel komplexer als die Vorstellung, die in der westlichen Medizin mit dem Begriff Konstitution assoziiert wird.

Auch wenn ein erfahrener ayurvedischer Arzt das augenblickliche Verhältnis der aus dem Gleichgewicht geratenen Doshas und damit die Krankheitsursache erkennen und eine Therapie einleiten kann, so bleibt es doch die Aufgabe jedes einzelnen Menschen, herauszufinden, was sein »Wesen« ausmacht, und ein seinem Wesen entsprechendes Leben zu führen.

Hier eine grob vereinfachte Darstellung der verschiedenen Typen:

Vata-Menschen erkennt man an ihrem leichten, zarten Körperbau. Sie haben eine schnelle Auffassungsgabe, vergessen aber auch sehr schnell, handeln rasch und sind leicht begeisterungsfähig. Aus dem Gleichgewicht geraten, werden sind sie ungeduldig, sprung- und wechselhaft und ermüden bald.

Pitta-Menschen sind von mittlerer Statur. Sie verfügen in der Regel über eine gute Verdauungskraft, »strahlendes« Aussehen, Entscheidungsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen. Im unausgeglichenen Zustand werden sie hitzig und entwickeln Magengeschwüre und Hautkrankheiten.

Kapha-Menschen sind von kräftiger Statur, verfügen über eine stabile Gesundheit und erfreuen sich einer starken Sexualkraft. Im ausgeglichenen Zustand sind sie ruhig und verträglich. Aus der Balance geraten werden sie dickköpfig, störrisch, schwerfällig, faul und nehmen an Gewicht zu.

Jeder Typ neigt zu bestimmten Krankheiten, d.h. wenn durch falsche, seinem »Typ« nicht entsprechende Ernährung, Lebensweise und Emotionen und andere Faktoren sein prägendes Dosha zu sehr vermehrt wird, geraten alle anderen Doshas auch aus ihrem ursprünglichen Gleichgewicht und Krankheit ist die Folge.

Auch die Tages- und Jahreszeiten, die Lebensabschnitte, die Nahrungsmittel, das Denken und unsere Wünsche unterliegen dem Wirkprinzip der Doshas.Kindheit ist Kapha-Zeit, die Lebensmitte ist Pitta-Zeit, das Alter ist Vata-Zeit, Mittag und Mitternacht sind Pitta-Zeit, Nachmittag und die frühen Morgenstunden sind Vata-Zeit und der Abend und der Vormittag unterliegen dem Kapha-Wirkprinzip.

Alles fließt, alles ist in ständigem Wandel. Der Mensch hat die Möglichkeit, mit dem Wissen um seine ganz individuelle Einzigartigkeit und um die Gesetze der auf ihn einwirkenden Faktoren sein individuelles Gleichgewicht auszubalancieren.

Oberstes Ziel des Ayurveda ist die Gesunderhaltung, was zunächst oft die Wiederherstellung der Gesundheit voraussetzt.

Nach ayurvedischer Auffassung ist der Mensch gesund, »dessen Physiologie im Gleichgewicht ist, dessen Verdauung und Stoffwechsel gut arbeiten, dessen Gewebe - und Ausscheidungsfunktionen normal sind und dessen Seele, Geist und Sinne sich im Zustand dauerhaften, inneren Glücks befinden.« (Sushruta, ayurvedischer Arzt, 500 Jahre v. Chr.). Ein Zustand, in dem sich wahrscheinlich die wenigsten von uns befinden, dem wir uns aber annähern können, wenn wir etwas über das »Wissen vom Leben« erfahren und seine Ratschläge im Alltag anwenden lernen.

Krankheiten und ihre Ursachen

Die Harmonie und das Gleichgewicht der Doshas im Körper sind erste Voraussetzung für die Gesundheit. Ein Leben in Einklang mit den Naturgesetzen gewährleistet dieses Gleichgewicht. Falsches Verhalten, falsche Ernährung und viele andere Einflüsse stören die Harmonie und führen zu Krankheiten. Der Mensch sollte mit einer seiner Konstitution entsprechenden Lebensweise seine überaktiven Temperamente dämpfen und die anderen Temperamente fördern. Überaktive Temperamente (Überschuß) können zu Krankheit führen.

Normalerweise ist der Körper in der Lage, solche Überschüsse zu neutralisieren, vor allem dann, wenn es sich um Überschüsse handelt, die nicht dem Grundtemperament entsprechen. Geschieht das nicht, kommt es zu einer erhöhten Ansammlung von »Ama«, von Toxinen, die sich in verschiedenen Körperteilen und Gefäßen festsetzen und Kreislaufstörungen, lymphatische und vegetative Nervenstörungen, schmerzhafte Gelenkschwellungen oder Lähmungen etc. verursachen können.

Die Überschüsse vermindern das körpereigene Abwehrsystem und belasten den gesamten Organismus. Sie bieten einen idealen Nährboden für giftige Abbauprodukte oder krankheitserzeugende Bakterien. Das Gleichgewicht der Doshas ist gestört und somit entsteht Krankheit.

Ebenso kennt die traditionelle chinesische Medizin Bioenergien. Geraten diese aus dem Gleichgewicht, manifestieren sich »Yin« oder »Yang«-Krankheiten. Die Ayurveda-Lehre kennt Konstitutionstypen, die zu gewissen Erkrankungen disponieren und weiß, warum der eine zu gewissen Krankheiten neigt und der andere von vornherein Immunität dagegen zeigt, obwohl er in gleichen Rahmenbedingungen lebt.Ayurveda lehrt, wie den konstitutionell bedingten Krankheiten und Störungen durch die Harmonisierung der aus dem Gleichgewicht geratenen Doshas sowie durch eine entsprechende Ernährung und vernünftige Lebensweise die Grundlage entzogen werden kann.

Allgemein gelten zwei Faustregeln für die Behandlung:

  • ist ein Dosha angeregt oder hat einen Überschuß, so sollen alle die Maßnahmen ergriffen oder Mittel gegeben werden, deren Eigenschaften sich genau gegensätzlich zu denen des gestörten Doshas verhalten, so dass dadurch das vermehrte oder angeregte Dosha reduziert und auf seine normale Zustandsform gebracht wird.
  • mangelt es jedoch dem Körper an einem Dosha, so soll nach Anweisungen des Therapeuten dieses Dosha mit Hilfe von Verhaltensänderungen, verschiedenen Therapien und solchen Mitteln angeregt und vermehrt werden, die ähnliche Eigenschaften aufweisen wie das gestörte Dosha. Also, ein vermindertes Dosha muß genährt werden, damit es vermehrt wird, ein vermehrtes Dosha muß reduziert werden. Die Anregung der Doshas geschieht durch Maßnahmen, die ähnliche Eigenschaften wie sie selbst haben, die Beruhigung bzw. die Verminderung der Doshas geschieht durch Maßnahmen, die entgegengesetzte Eigenschaften besitzen.

Nach der Lehre des Ayurveda ist Krankheit Folge eines gestörten Gleichgewichts von Kräften, der schon erwähnten »Doshas«, die für unser körperliches und emotionales Wohlbefinden sorgen. Ziel einer ayurvedischen Therapie ist also weniger Heilung einer »Krankheit«, sondern Wiederherstellung des dynamischen Gleichgewichts, das bei jedem Menschen verschieden ausgeprägt ist. Gesundheit stellt sich dann wieder ein, wenn durch bestimmte Anwendungen ein Zuviel oder Zuwenig dieser aus der Harmonie geratenen Wirkungsprinzipien beseitigt wird.

Zu allen Zeiten und in allen Kulturen fanden zu bestimmten Jahreszeiten Reinigungsrituale statt. So wurden im Frühjahr durch verschiedene Therapien die Stoffe aus dem Körper entfernt, die sich über den Winter als Schlacken angelagert hatten. Desgleichen fand im Herbst eine große Körperreinigung statt. Der Körper hilft sich oft selbst, indem er in den Übergangsmonaten September/Oktober und im März/April sich seiner Toxine mit Hilfe von Schnupfen und Erkältungskrankheiten zu entledigen versucht.

Die Menschen in den alten asiatischen Kulturen wussten um die große Bedeutung dieser Reinigungen und bezogen sie in ihr Leben ein. Gesunderhaltung war das oberste Ziel, aufkommenden Krankheiten wurden mit verschiedenen Reinigungstherapien die Grundlage entzogen. Umso bedeutender waren und sind diese Anwendungen bei bereits bestehenden Beschwerden.

Eine jahrtausendalte, sanfte, aber sehr tiefgreifende Methode zur körperlichen und seelisch-geistigen Reinigung und Wiederherstellung des dynamischen Gleichgewichts ist die ayurvedische Panchakarma-Therapie. Diese Panchakarma-Reinigungskur bildet das Herz der ayurvedischen Medizin. »Pancha« bedeutet »fünf« und »Karma« bedeutet »Tätigkeiten« oder »Vorgänge«, durch die Toxine und Schlacken im Körper gelöst und über die natürlichen Ausscheidungsorgane (Darm, Harnwege, Blutgefäße, Schweißdrüsen) ausgeschieden werden.

Die Reinigungstherapie, die aus verschiedenen Anwendungen besteht, leitet Unreinheiten aus dem Körper aus. Sie bewirkt eine grundlegende Umstimmung des Organismus und fördert das physiologische Gleichgewicht. Ölmassagen, Kräuterdampfbäder, das Beklopfen des Körpers mit Reissäckchen, die vorher in Tinkturen getränkt wurden, Ölbehandlungen des Kopfes, die vor allem bei Heuschnupfen, Nebenhöhlentzündungen, Stress, Migräne und Schlaflosigkeit indiziert sind und eine Reihe anderer Behandlungen sind Teil dieser Kur.Die ayurvedischen Medikamente, zumeist Komplexpräparate aus Heilkräutern und Mineralien, bewirken nicht nur eine starke Reinigung des gesamten Organismus, sondern zielen auf die Beseitigung der eigentlichen Ursache der Störung, das bestehende Ungleichgewicht der Bioenergien.

Wie bereits erwähnt, empfehlen die alten Schriften des Ayurveda eine zweimalige Panchakarma-Kur im Jahr zur Erlangung eines »glücklichen und gesunden langen Lebens«. Sie dienen sowohl der Vorbeugung von Krankheiten im Sinne einer aktiven Gesundheitserhaltung als auch der Behandlung spezieller Krankheitsbilder. Dazu zählen rheumatische Erkrankungen, Magen-Darm-Beschwerden, unklare Schmerzzustände, Stoffwechselstörungen, Über- und Untergewicht, psychosomatische Beschwerden, Atemwegserkrankungen, Hautkrankheiten und verminderte Immunität.Mit der körperlichen Reinigung wird auch die Psyche von »Ballast« befreit, was in der Regel zu einer Steigerung des positiven Lebensgefühls führt.Die erstaunlichen Wirkungen der Panchakarma-Kuren sind in umfangreichen medizinischen und physiologischen Untersuchungen in Asien, den USA und Europa beschrieben worden.

Die ayurvedische Reinigungs- und Regenerationskur in einem Ursprungsland zu erleben, steht in keinem Vergleich zu ähnlichen Behandlungen im Westen. Auch wenn der Ayurveda eine universale und an keine Kultur, kein Land und Klima gebundene Wissenschaft ist, so setzen eine sichere Diagnose und eine erfolgreiche Therapie umfangreiches Wissen und große Erfahrung der ayurvedischen Ärzte voraus.

Diese Voraussetzungen finden Sie in der „Greystones-Villa“ im südöstlichen Bergland von Sri Lanka. Das Heilklima dieser Bergregion ist seit altersher bekannt.Die Ärztinnen und Ärzte des Ayurveda-Kurzentrums und das geschulte Personal verfügen über langjährige Erfahrungen in der ayurvedischen Behandlung von Europäern.

 

Vertiefende Informationen zum Ayurveda finden Sie in unserem Kompendium