Ayurveda in Sri Lanka

Der Ayurveda in Sri Lanka verfügt über eine zweitausendjährige Tradition, wobei er besonders durch den Buddhismus gefördert wurde. Die europäischen Kolonialmächte versuchten vergeblich, die traditionelle Heilkunde zu unterdrücken. Das ayurvedische Wissen wurde in den buddhistischen Klöstern bewahrt, zu denen die Kolonialherren nur schwer Zugang hatten. Mit der Unabhängigkeit Sri Lankas nach dem zweiten Weltkrieg und der Rückbesinnung auf traditionelles Kulturgut erfuhr auch der Ayurveda eine Renaissance.

In Sri Lanka praktizieren heute graduierte und traditionelle ayurvedische Ärzte. Die graduierten Ärzte studieren über sechs Jahre an einer Universität den Ayurveda und schließen die Ausbildung mit einem zweijährigen Praktikum ab. Einige von ihnen setzen ihr Studium an indischen Universitäten fort und spezialisieren sich auf bestimmte Fachgebiete, wie z.B. die Panchakarma-Therapie.

Der zweite mögliche Ausbildungsweg zum Ayurveda-Arzt ist das Studium bei einem traditionellen Arzt. Viele der traditionellen Ärzte stammen aus Familien, in denen über Generationen der Ayurveda praktiziert und überliefert wurde. Sie unterrichten in der Regel nur wenige ausgewählte Schüler, meist aus der eigenen Familie oder aus dem Dorf. Nach einem langen und intensiven Ausbildungsweg legen diese Schüler ebenfalls staatliche Prüfungen ab.

Die ceylonesische Regierung weiß diesen Schatz an ayurvedischen Ärzten zu hüten. So hat sie bereits im Jahre 1990 für einige, besonders erfahrene »traditionelle« ayurvedische Ärzte östlich von Colombo ein Dorf bauen lassen, wo diese leben, behandeln und ihr Wissen zum Wohle der Allgemeinheit aufzeichnen. Hier scheint die Zeit still zu stehen. Bei meinen Besuchen dort bin ich immer wieder beeindruckt von der bescheidenen und einfühlsamen Art, mit der die Ärzte sich ihren hilfesuchenden Landsleuten zuwenden. »Wir behandeln den Menschen, nicht die Krankheit«, erzählte mir ein Rheumaspezialist und fügte hinzu: »We say that Western medicine classifies germs and attempts to destroy them, while Ayurveda classifies human beings and attempts to save them.«

Die Reise in den Busch zu diesem Dorf mit seiner großen »Apotheke«, die sich schon durch die Düfte der unzähligen Wurzeln, Kräuter und Tinkturen von weitem ankündigt, ist ein Erlebnis.

Sri Lanka hat in der Geschichte oft im Schatten seines großen (indischen) Bruders gestanden – zu Unrecht, auch was das Können seiner ayurvedischen Ärzte angeht. In welchem Land der Erde gibt es schon ein eigenes »Ministerium für Einheimische Medizin«? Mehr als 85% der Bevölkerung vertraut sich einem ayurvedischen Arzt an, nicht nur, weil sie sich keinen Doktor leisten kann, der »englische (allopathische) Medizin« verschreibt, sondern weil der Ayurveda Teil ihrer Kultur und ihres Lebens ist. Der »Vedamahattaya« ist zugleich auch Seelendoktor.

Die Regierung in Colombo unterstützt in großem Umfang die Volksheilkunde Ayurveda. Davon kann man sich bei Besuchen in ayurvedischen Krankenhäusern, Forschungsinstituten und Ayurveda-Ausbildungszentren überzeugen. Mit großer Sorgfalt werden dort die viele Jahrhunderte alten, auf Palmblättern verewigten Verschreibungen der weisen Ärzte entschlüsselt und auf ihre Wirksamkeit bei verschiedenen Krankheiten untersucht.

 

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